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Kapitel 1 - Willkommen in der Mausgasse 63

  • Autorenbild: Markus Foehn
    Markus Foehn
  • 27. Mai
  • 8 Min. Lesezeit


In einer kleinen, verwunschenen Strasse, die sich zwischen Brombeerhecken, alten Wurzelbäumen und moosbewachsenen Steinen hindurchschlängelte, stand ein krummes, bauchiges Häuschen. Es hatte eine schiefe Dachrinne, ein quietschendes Gartentor, runde Fenster mit winzigen Vorhängen und einen Kamin, aus dem es fast immer nach warmem Käse, gerösteten Nüssen oder frisch gebackenem Kuchen duftete.

Die Strasse trug einen Namen, den alle Tiere in Mäuslingen kannten.

Mausgasse 63.

Schon von weitem sah man das kleine Holzschild neben der Haustür. Die Buchstaben waren etwas schief eingeritzt, denn vor vielen Jahren hatte Fläderä versucht, sie mit einer viel zu grossen Feile nachzuziehen. Seitdem sah die Zahl 3 ein bisschen aus wie ein eingerollter Käsefaden. Niemand störte sich daran. Im Gegenteil. Alle fanden, dass genau das zur Mausgasse 63 passte.

Denn dieses Haus war anders als andere Häuser.

In anderen Häusern hörte man vielleicht das Klappern von Töpfen, das Rascheln von Zeitungspapier oder das leise Schnarchen alter Mäuse. In der Mausgasse 63 aber hörte man fast jeden Tag Gelächter, aufgeregtes Geflüster, ein bisschen Gezeter, gelegentlich ein lautes BUMM oder ein erschrockenes KLIRR und danach meistens jemanden, der rief: „Ich war es nicht!“

Und dann rief jemand anderes zurück: „Dann war es wohl der Käse!“

Vor allem aber hörte man Geschichten.

Geschichten, die unter dem Dach erzählt wurden. Geschichten, die in der Küche begannen. Geschichten, die im Keller rumpelten, im Garten stolperten oder nachts durch den Schornstein flüsterten. Manche waren lustig, manche ein kleines bisschen unheimlich, und manche begannen mit einem verschwundenen Keks, einem geheimnisvollen Schatten oder einer Socke, die plötzlich an einem Ort lag, an dem Socken nun wirklich nichts verloren hatten.

In diesem besonderen Haus lebte eine ganz besondere Mäusefamilie.

Ganz oben, direkt unter dem Dach, wohnte Oma Musola. Ihr Zimmer war so gemütlich, dass selbst der Wind vor dem Fenster leiser pfiff, wenn er daran vorbeikam. Überall lagen Wollknäuel in warmen Farben. Rot wie Hagebutten, Gelb wie Käsekruste, Blau wie Abendhimmel und Grün wie frischer Klee. Manche Wollknäuel lagen ordentlich in Körben. Andere versteckten sich unter Sesseln, hinter Teekannen oder in Schuhen, die Oma Musola seit Jahren nicht mehr getragen hatte.

In einer Ecke standen mindestens zwanzig Teekannen. Oma Musola behauptete, es seien nur zwölf, aber niemand glaubte ihr. Jede Teekanne hatte ihre eigene Geschichte. Eine war bei einem Sturm vom Regal gefallen und hatte trotzdem keinen Sprung bekommen. Eine andere konnte angeblich besonders gut Kamillentee warmhalten. Und eine ganz kleine, blaue Kanne war nur für Tage gedacht, an denen jemand Trost brauchte.

Niemand wusste genau, wie alt Oma Musola war. Wenn man sie fragte, lächelte sie bloss und sagte: „Alt genug, um zu wissen, dass man einen Kuchen nie aus den Augen lassen darf.“

Oma Musola war klug, liebenswert und unerschütterlich. Wenn jemand traurig war, hatte sie einen warmen Strickschal und einen noch wärmeren Rat bereit. Wenn jemand Angst hatte, stellte sie eine Tasse Honigtee auf den Tisch und erzählte so ruhig, dass sogar die knarrenden Dielen zu lauschen schienen. Und wenn jemand Hunger hatte, was in der Mausgasse 63 ziemlich oft vorkam, dann zog sie irgendwoher ein Stück Nuss-Käse-Kuchen hervor.



Dieser Kuchen war in ganz Mäuslingen berühmt. Manche sagten, er könne schlechte Laune vertreiben. Andere behaupteten, man könne damit sogar eine verärgerte Katze besänftigen. Das hatte allerdings noch niemand ausprobiert, und Oma Musola fand, dass man manche Dinge besser Geschichten bleiben liess.

„Ein gutes Stück Käsekuchen heilt fast alles“, sagte sie oft.

Und wenn jemand fragte, was denn nicht damit geheilt werden könne, antwortete sie: „Ein leerer Kuchenteller.“

Im mittleren Stock lebte Lunica, Oma Musolas Tochter. Lunica war sanft, freundlich und hatte eine Stimme, die heller klang als Morgentau auf einem Grashalm. Wenn sie sang, wurden die Räume stiller. Selbst die kleinsten Geräusche hielten kurz den Atem an. Der Suppenlöffel klapperte weniger laut. Das Feuer im Ofen knisterte weicher. Und manchmal, wenn Lunica ganz leise summte, drehten sich sogar Regenwürmer tief unter der Erde ein kleines Stück zur Seite, nur um besser hören zu können.

Lunica sang beim Kochen, beim Aufräumen, beim Wäscheaufhängen und manchmal auch einfach dann, wenn niemand hinsah. Doch ihre Stimme war mehr als Musik. Sie konnte beruhigen, wenn ein Herz zu schnell schlug. Sie konnte Mut machen, wenn eine kleine Maus glaubte, sie sei zu klein für eine grosse Aufgabe. Und sie konnte Hoffnung schenken, wenn der Himmel draussen grau war und der Regen gegen die Fensterscheiben trommelte.

Manche in Mäuslingen sagten, Lunica habe eine besondere Gabe. Andere nannten es eine Superkraft. Lunica selbst winkte dann nur lächelnd ab.

„Eine Stimme ist wie eine Kerze“, sagte sie. „Sie ist nicht dazu da, laut zu sein. Sie ist dazu da, Licht zu machen.“

Manchmal half Lunica jungen Mäusen, die bei der Chilbi vorsingen wollten. Manchmal besuchte sie kleine Mäuse, die schlechte Träume hatten, und sang ihnen ein Lied vor, bis die Schatten in den Ecken wieder ganz gewöhnliche Schatten waren. Vor allem aber war sie Mama. Und zwar mit Leib, Herz und sehr viel Ohr für jedes Problem.

Denn ihre beiden Söhne hatten oft Probleme. Meistens kleine. Manchmal klebrige. Und gelegentlich solche mit Rauch.

Mausi war der Jüngste. Er war klein, wuselig, neugierig und ein echter Tollpatsch. Sein Lieblingsoutfit war ein gemütlicher Kapuzenpulli, der ihm ein bisschen zu gross war. Die Ärmel rutschten ihm oft über die Pfoten, und manchmal blieb er damit an Türklinken hängen. Auf dem Kopf trug er fast immer sein buntes Käppi, das schief zwischen seinen runden Ohren sass. Es war rot und blau und passte so gut zu ihm, als hätte es schon immer gewusst, dass es einmal Mausi gehören würde.

Mausi konnte über Dinge stolpern, die gar nicht da waren. Er verlor seine Socken an den erstaunlichsten Orten. Einmal fand Oma Musola eine davon in der Zuckerdose. Ein anderes Mal steckte eine Socke im Briefkasten, zusammen mit einem sehr verwirrten Käfer, der behauptete, er habe nur kurz Schutz vor dem Wind gesucht.

Doch Mausi hatte das grösste Herz der ganzen Mausgasse. Wenn jemand Hilfe brauchte, war er sofort da. Manchmal fiel er auf dem Weg dorthin hin, aber er stand immer wieder auf. In seinen Armen hielt er oft Dudu, sein geliebtes Schildkröten-Stofftier. Dudu war weich, grün und ein bisschen schief zusammengenäht, aber für Mausi war sie das mutigste Stofftier der Welt.

„Dudu passt auf mich auf“, sagte Mausi.

Fläderä zog dann manchmal eine Augenbraue hoch und meinte: „Oder du auf Dudu.“

Mausi dachte kurz darüber nach und nickte dann ernst. „Beides.“

Fläderä war Mausis älterer Bruder. Er war abenteuerlustig, schnell im Kopf und noch schneller mit seinen Ideen. Er träumte vom Fliegen. Manchmal wollte er Pilot werden, manchmal Erfinder, manchmal Geheimagent mit Fluglizenz. Einmal wollte er Käseforscher werden, aber nur, bis er merkte, dass man Käse dabei nicht einfach die ganze Zeit probieren durfte.

Fläderä trug fast immer seine Fliegerbrille auf dem Kopf. Sie war sein Erkennungszeichen. Ob er im Garten stand, im Keller nach Schrauben suchte oder am Frühstückstisch über einem Stück Brot brütete, die Brille war dabei. Flügel brauchte er nicht immer. Manchmal hatte er selbst gebastelte Stoffflügel, manchmal einen kleinen Holzgleiter, manchmal nur eine Idee, die so gross war, dass sie kaum in sein Mäuseköpfchen passte.

Er war mutig und manchmal ein bisschen grossspurig.

„Keine Sorge“, sagte er oft. „Ich habe alles unter Kontrolle.“

Wenn Fläderä diesen Satz sagte, duckten sich die anderen vorsichtshalber.

Aber tief in seinem Herzen war Fläderä weich wie frisch gekneteter Brotteig. Wenn Mausi weinte, war Fläderä der Erste, der eine Decke holte. Wenn Mausi Angst hatte, setzte sich Fläderä neben ihn und erzählte von zukünftigen Flugreisen, bei denen sie beide über die höchsten Brombeerhecken segeln würden. Und wenn ihn jemand dabei ertappte, wie er selbst gerührt war, rieb er sich schnell die Augen und murmelte: „Nur Staub. Ganz klar Staub.“

Im Haus nebenan wohnte Weisel. Er war Krankenwagenfahrer und besass ein altes, aber blitzblankes Rettungsfahrzeug. Es war kaum grösser als ein Brotkorb, hatte aber ein echtes Blaulicht in Miniatur. Wenn Weisel damit durch Mäuslingen fuhr, machten alle Platz. Sogar Schnecken. Zumindest versuchten sie es.

Weisel war der Erste, der losfuhr, wenn jemand vom Baum gefallen war, sich beim Chilbi-Spiel verschluckt hatte oder sich mit einem scharfen Käsestück den Zeh gepikst hatte. Er trug eine blaue Rettungsjacke, eine kleine Mütze und eine Tasche, in der sich Pflaster, Verbände, Kräutersalbe, ein winziges Hörrohr und meistens auch ein Notfallkeks befanden.

„Für Kreisläufe“, sagte Weisel.

Niemand wusste, ob er damit die Patienten meinte oder sich selbst.

Weisel konnte manchmal brummelig sein. Wenn jemand dreimal am selben Tag über denselben Blumentopf stolperte, knurrte er etwas von „Sicherheitsvorschriften“ und „unmöglichen Zuständen“. Doch tief drinnen hatte er ein Käseherz. Er half immer. Ohne grosses Gerede, aber mit sicherer Pfote.

An diesem Morgen begann der Tag in der Mausgasse 63 wie so oft mit einem fröhlichen Durcheinander.

Unten in der Küche duftete es nach geröstetem Brot, warmem Käse und Kräutertee. Die Sonne schob sich vorsichtig über die Dächer von Mäuslingen und malte goldene Streifen auf den Küchentisch. Draussen hüpften Spatzen über den Gartenzaun, und im Rosenbeet schimpfte ein Käfer, weil jemand seine Frühstückskrümel mit einem Kieselstein verwechselt hatte.

Mausi rannte von einem Zimmer ins andere.

„Mein Käppi ist weg!“, rief er.

Lunica drehte sich vom Herd um. „Hattest du es nicht gerade noch auf dem Kopf?“

Mausi fasste sich an die Ohren. Dann sah er nach oben. Dann nach unten. Dann auf Dudu, als könnte das Stofftier eine Erklärung liefern.

„Ich hatte es auf dem Kopf“, sagte er. „Aber jetzt ist es dort nicht mehr. Das ist sehr verdächtig.“

Fläderä sass am Tisch und bastelte an einem Mini-Fallschirm aus einem Taschentuch, zwei Streichhölzern und einem Stück Schnur. Seine Fliegerbrille war ihm auf die Nase gerutscht.



„Vielleicht ist es weggeflogen“, sagte er, ohne aufzusehen. „Käppis haben manchmal Fernweh.“

„Käppis haben kein Fernweh“, sagte Mausi.

„Deines vielleicht schon.“

Oma Musola stand neben dem Regal und versuchte, mit einer Kuchengabel zwei Stricknadeln aus einem Kirschglas zu fischen. Niemand wusste, wie sie dort hineingekommen waren. Oma Musola tat so, als sei das eine ganz normale Frühstücksarbeit.

„Ein Käppi geht nicht verloren“, sagte sie ruhig. „Es macht höchstens einen kleinen Ausflug.“

In diesem Moment bewegte sich etwas unter dem Küchentisch. Mausi kniete sich hin. Zwei Sekunden später zog er sein Käppi hervor. Darin sass eine kleine Feldgrille und sah sehr beleidigt aus.

„Entschuldigung“, piepste Mausi.

Die Grille sprang davon.

Mausi setzte sich das Käppi auf. Natürlich schief.

Lunica summte leise ein Lied über die Sonne, die selbst an chaotischen Tagen nicht vergass aufzugehen. Der Ton füllte die Küche wie warmes Licht. Mausi wurde sofort ruhiger. Fläderäs Taschentuch-Fallschirm hörte auf, gefährlich nah an der Teekanne zu wackeln. Sogar Oma Musolas Stricknadeln liessen sich endlich aus dem Kirschglas ziehen.

„Heute wird ein schöner Tag“, sagte Oma Musola schliesslich. „Ich spür’s in den Schnurrhaaren.“

Mausi sah sie gross an. „Spüren Schnurrhaare so etwas wirklich?“

„Natürlich“, sagte Oma Musola. „Wenn man alt genug ist.“

Fläderä lehnte sich zurück und grinste. „Meine Schnurrhaare spüren, dass mein Fallschirm funktionieren wird.“

In diesem Moment löste sich die Schnur, das Taschentuch flatterte hoch, segelte einmal quer über den Tisch und landete direkt in der Butter.

Alle starrten darauf.

Dann begann Mausi zu kichern. Lunica lachte leise. Oma Musola schüttelte den Kopf, aber ihre Mundwinkel zuckten. Fläderä räusperte sich und sagte: „Testflug erfolgreich. Landung weich.“

Draussen klingelte das Gartentor.

Weisel stand davor, mit seiner Rettungstasche über der Schulter und einem ernsten Blick.

„Guten Morgen“, brummte er. „Ist bei euch alles in Ordnung? Ich habe ein verdächtiges Buttergeräusch gehört.“

„Alles bestens“, rief Lunica.

„Nur ein Flugversuch“, sagte Fläderä stolz.

Weisel seufzte. „Das habe ich befürchtet.“

Doch dann sah auch er das Lachen in der Küche, den warmen Tee, den Kuchenduft und Mausi mit seinem schiefen Käppi und Dudu im Arm. Sein brummeliger Blick wurde weicher.

„Na gut“, sagte er. „Dann komme ich auf einen Kontrollkeks herein.“

Und so sassen sie kurz darauf alle zusammen am Küchentisch. Oma Musola schnitt Kuchen. Lunica schenkte Tee ein. Mausi erzählte Dudu, dass Käppis manchmal Abenteuer erleben. Fläderä erklärte, weshalb Butter ein durchaus brauchbarer Landeplatz sei. Und Weisel tat so, als höre er nicht interessiert zu, obwohl er sich heimlich ein zweites Stück Kuchen nahm.

Niemand bemerkte zuerst den kleinen Schatten, der draussen über den Gartenweg huschte.

Er war nur einen Augenblick lang zu sehen. Ein dunkler Fleck zwischen den Blumen. Ein leises Rascheln in den Brombeerhecken. Dann war er wieder verschwunden.

Mausi war der Erste, der aufblickte.

„Habt ihr das gesehen?“

Alle wurden still.

Fläderä schob seine Fliegerbrille nach oben. Lunica legte den Kopf leicht schräg, als lausche sie einem Ton, den sonst niemand hören konnte. Oma Musola stellte ihre Teetasse langsam ab. Weisel griff schon nach seiner Tasche.

Draussen bewegte sich die Hecke noch einmal.

Ganz sanft.

Ganz heimlich.

Und irgendwo, nicht weit vom Gartentor entfernt, hörte man ein winziges Klirren.

Oma Musola nickte langsam.

„Ich glaube“, sagte sie, „heute wird wirklich ein besonderer Tag.“

In der Mausgasse 63 war eben kein Tag wie der andere.

Manchmal begann ein Abenteuer mit einem Schatten.

Manchmal mit einem Rätsel.

Manchmal mit einem Stück verschwundenem Käse.

Und manchmal begann es an einem ganz gewöhnlichen Morgen, wenn alle gerade dachten, dass der Tag einfach nur schön werden würde.



 
 
 

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