Kapitel 2 - Der Sternschnuppenabend auf dem Dach
- Markus Foehn

- 27. Mai
- 7 Min. Lesezeit
Es war ein stiller Abend in der Mausgasse 63.
Der Himmel über Mäuslingen färbte sich langsam violett, und zwischen den Dächern strich ein leiser Wind hindurch, der nach Abendluft, Kaminwärme und den letzten Sommerblumen roch. Die Brombeerhecken am Weg rauschten sanft, und irgendwo in der Ferne klapperte noch einmal ein Fensterladen, bevor auch er zur Ruhe kam.
Im alten, gemütlichen Haus mit der krummen Dachrinne und dem schiefen Gartentor kehrte nach und nach die Abendstimmung ein.
Ganz oben unter dem Dach sass Oma Musola in ihrem Schaukelstuhl und strickte, wie fast jeden Abend, an einem neuen Schal. Die Nadeln klapperten ruhig in ihren Pfoten, und auf ihrem Schoss lag ein weiches Knäuel mausgrauer Wolle. In den Schal strickte sie kleine Käsemuster ein, nur ganz zart, damit man sie erst auf den zweiten Blick erkennen konnte.

„Der ist für Mausi“, murmelte sie zufrieden vor sich hin. „Mein kleiner Purzler braucht etwas Warmes für seine Abenteuer.“
Denn Mausi stiess sich oft irgendwo an, plumpste von Hockern, blieb an Tischbeinen hängen oder rutschte auf zu glatten Brettern aus. Oma Musola sagte dann jeweils mit einem liebevollen Lächeln: „Wenn es nicht weh tut, war es kein echtes Abenteuer.“
Doch so tapfer sie das sagte, wollte sie ihn natürlich trotzdem warm und sicher wissen, besonders nachts.
Ein Stockwerk tiefer summte Lunica leise ein Gutenachtlied, während sie das Wohnzimmer aufräumte und versuchte, ihre beiden Jungen bettfertig zu machen. Ihre Stimme war weich wie warmer Honigtee. Sie glitt durch die Zimmer, über die Dielen, an den Vorhängen vorbei und hinaus bis unter das Dach. Selbst der Wind draussen schien kurz innezuhalten, als wolle er besser zuhören.
„Fläderä, zieh bitte deinen Mantel aus“, sagte Lunica freundlich, aber bestimmt. „Und Mausi, wo ist schon wieder dein Schlafanzug geblieben?“
Fläderä sass auf der Rückenlehne des Sofas und hatte seine Fliegerbrille schief auf die Stirn geschoben. Er trug seinen Abenteuerlook mit einer solchen Selbstverständlichkeit, als könnte jeden Moment tatsächlich ein Luftpost-Falke oder eine Fledermaus zur Tür hereinschauen und ihn zu einer geheimen Mission abholen.
„Ich will den Mantel anlassen, Mama“, protestierte er. „Vielleicht kommt heute Nacht eine Fledermaus vorbei und nimmt mich mit. Man weiss nie. Ein richtiger Abenteurer muss bereit sein.“
Lunica hob eine Augenbraue. „Ein richtiger Abenteurer muss auch schlafen.“
„Das kommt auf das Abenteuer an“, sagte Fläderä ernst.
Mausi stand daneben und versuchte gleichzeitig, Dudu festzuhalten, sein Käppi zu richten und mit dem Schwanz nicht auf seine eigene Schlafanzughose zu treten. Das Ergebnis sah etwas chaotisch aus. Über seinem Schlafanzug trug er bereits seinen gemütlichen Kapuzenpulli, weil er fand, dass man darin einfach mutiger war.
„Ich will auch mitfliegen“, murmelte er leise. Dann senkte er den Blick und fügte hinzu: „Aber ich habe bestimmt wieder Pech. Ich habe immer Pech.“
Fläderä sprang vom Sofa, trat zu seinem kleinen Bruder und klopfte ihm sanft auf den Rücken.
„Ach Quatsch, Mausi“, sagte er. „Du hast gar nicht Pech. Du hast nur ein Talent dafür, genau dort zu sein, wo etwas Aufregendes passiert.“
Mausi dachte kurz darüber nach.
„Ist das gut?“
„Sehr gut“, sagte Fläderä.
„Und ausserdem“, sagte Lunica mit einem liebevollen Lächeln, „hast du uns.“
Mausi drückte Dudu ein wenig fester an sich und nickte. Das klang tröstlich.
Gerade wollte Lunica die Kerze auf dem Fenstersims etwas tiefer drehen, da klopfte es plötzlich kräftig an die Haustür.
Tock. Tock. Tock.
Lunica sah überrascht auf.
„Wer kann das denn noch sein, so spät?“
Von oben rief Oma Musola: „Wenn es kein Kuchen ist, soll er trotzdem hereinkommen.“
Fläderä war schon halb im Flur, ehe Lunica ihm sagen konnte, er solle nicht rennen. Mausi trippelte hinterher, natürlich fast auf seinen eigenen Hoodie tretend, und auch Oma Musola kam langsam die Treppe herunter, den halbfertigen Schal über dem Arm.
Vor der Tür stand Weisel.
Er war leicht ausser Atem, sein kleiner Helm sass schief, und in einem seiner Schnurrhaare hatte sich tatsächlich ein Blatt verfangen. Hinter ihm parkte sein berühmter kleiner Krankenwagen aus Kastanienholz mit Streichholzrädern. Das winzige Blaulicht auf dem Dach glitzerte im Abendlicht, und der Wagen knarrte leise, als würde auch er sich nach einem langen Tag kurz ausruhen.
„Guten Abend zusammen“, sagte Weisel und zog das Blatt aus seinem Schnurrhaar. „Ich wollte euch nur schnell Bescheid geben. Heute Nacht kommt ein riesiger Sternschnuppenregen. Man kann ihn von der alten Dachrinne aus perfekt sehen.“
Für einen Moment wurde es still.
Dann riss Fläderä beide Arme hoch.
„Ein Sternschnuppenregen? Wirklich? Vielleicht fliegen da ja echte Fledermäuse mit.“
„Oder Sternenpiloten“, ergänzte er gleich noch.
Mausis Augen wurden gross und rund.
„Und vielleicht“, flüsterte er, „bringt es Glück, wenn man eine Sternschnuppe sieht.“
Weisel nickte. „So sagen es zumindest alle.“
„Dann gehen wir hinauf“, entschied Oma Musola sofort. „Aber nur gut eingepackt.“
Damit begann in der Mausgasse 63 das übliche, leicht chaotische Abenteuer-Vorbereiten.
Oma Musola packte in Windeseile ein kleines Körbchen mit Apfelkuchenstücken, ein paar Nusshörnchen und einer Stoffserviette. Lunica holte zusätzliche Tücher, weil auf dem Dach immer ein kühler Wind ging. Weisel schraubte den Deckel seiner Notfall-Tee-Thermosflasche fest und prüfte aus Gewohnheit, ob er Pflaster und Salbe dabeihatte, obwohl vermutlich niemand bei einem Sternschnuppenregen ein Pflaster brauchen würde.
Fläderä wollte ein Fernrohr mitnehmen, ein Kissen, eine Taschenlampe, zwei Wäscheklammern und ein Stück Schnur, „für alle Fälle“. Lunica erlaubte ihm das Fernrohr und die Taschenlampe. Den Rest legte sie wieder zurück.
Mausi suchte unterdessen sein Käppi. Natürlich.
„Ich hatte es doch eben noch“, sagte er verzweifelt.
„Du meinst das Käppi, das auf deinem Kopf sitzt?“, fragte Weisel trocken.
Mausi griff nach oben, wurde rot und grinste.
„Ach so. Ja. Dann bin ich schon bereit.“
Oma Musola wickelte jedem einen Schal um. Mausi bekam den frisch fertigen, mausgrauen Schal mit den kleinen Käsemustern. Fläderä bekam einen dunkelblauen, der gut zu seiner Fliegerbrille passte. Lunica legte sich einen leichten wollweissen Schal um die Schultern, und Weisel behauptete erst, er brauche keinen. Doch als Oma Musola ihn so lange ansah, bis er nachgab, liess auch er sich einen umlegen.
„So“, sagte sie zufrieden. „Jetzt können selbst die Sterne kommen.“
In einer stillen Reihe stiegen sie die knarrende Treppe hinauf, vorbei an alten Bilderrahmen, Wolldecken und dem kleinen Dachbodenfenster, das nur mit etwas Schieben und gutem Zureden aufging. Fläderä war als Erster draussen. Er kletterte flink auf die Schindeln, als kenne er jeden einzelnen Ziegel persönlich. Mausi folgte vorsichtig, mit Dudu im Arm und einem Blick, der gleichzeitig mutig und ein bisschen ängstlich war. Lunica half ihm über den Fensterrand, Weisel sicherte von hinten, und Oma Musola kam zuletzt mit dem Kuchenkorb, langsamer als die anderen, aber mit der Ruhe einer Maus, die ganz genau wusste, wohin sie ihren Fuss setzte.
Oben auf dem Dach war es wunderschön.

Der Himmel spannte sich tiefblau über Mäuslingen, und die ersten Sterne funkelten bereits zwischen feinen, silbrigen Wolkenstreifen. Die alten Ziegel waren noch leicht warm vom Tag. Zwischen zwei Kaminen fanden sie einen perfekten Platz, windgeschützt und mit freiem Blick über die Dächer, Felder und Bäume der Umgebung.
Lunica setzte sich in die Mitte und zog Mausi zu sich. Er kuschelte sich an sie, Dudu auf dem Schoss, den Käppi-Schirm ein wenig schief. Fläderä legte sich halb bäuchlings auf die Ziegel und stützte das Kinn in die Pfoten, das Fernrohr griffbereit neben sich. Weisel setzte sich aufrecht hin, nahm einen Schluck aus seiner Thermosflasche und erklärte, dies sei ein „rein vorsorglicher Wachtee“. Oma Musola verteilte den Apfelkuchen.
„Und jetzt“, sagte sie leise, „sind wir still. Gleich geht es los.“
Für einen Moment hörte man nur den Wind.
Er spielte mit den Enden ihrer Schals, strich über die Dachkanten und liess irgendwo eine lockere Dachlatte leise knacken. Aus der Ferne klang das letzte Zirpen einer Grille herauf. Sonst war alles ruhig.
Dann zeigte Fläderä plötzlich nach oben.
„Da.“
Zuerst war es nur ein einzelnes Leuchten. Ein heller Punkt, der sich löste und in einer feinen, silbernen Spur über den Himmel glitt.
Dann kam noch einer.
Und noch einer.
Und plötzlich war es, als hätte jemand eine ganze Handvoll Glitzer über die Nacht gestreut.
Zisch.
Zisch.
Zisch.
Die Sternschnuppen schossen über den Himmel, schnell und leuchtend, mal lang und klar, mal kurz und funkelnd. Einige hinterliessen schmale silberne Spuren, andere glommen wie winzige Feuerfäden. Der ganze Himmel war in Bewegung.
Mausi sog staunend die Luft ein.
„Siehst du das, Dudu?“, flüsterte er ehrfürchtig.
Fläderäs Augen glänzten fast heller als die Sterne selbst.
„Ich wünsche mir, dass ich einmal richtig fliegen kann“, sagte er mit klopfendem Herzen. „Nicht nur hüpfen. Nicht nur segeln. Richtig fliegen.“
Lunica lächelte und strich Mausi sanft über den Kopf.
„Und du, mein Kleiner? Was wünschst du dir?“
Mausi überlegte lange. Dann kicherte er leise.
„Ich wünsche mir, dass ich morgen mal keinen Unfall habe.“
Alle mussten lachen, ganz leise, damit sie die Nacht nicht störten.
„Das ist ein sehr vernünftiger Wunsch“, murmelte Weisel.
„Und ein seltener“, fügte Fläderä grinsend hinzu.
Mausi streckte ihm die Zunge raus, kuschelte sich dann aber gleich wieder enger an Lunica.
Diese begann nun ganz leise zu singen.

Es war kein lautes Lied. Eher ein sanfter Klang, warm und rund, wie ein Licht, das über ein Zimmer streicht. Ihre Stimme legte sich über das Dach, über die Ziegel, über ihre kleinen Herzen. Sogar die Sternschnuppen schienen für einen Augenblick langsamer zu ziehen.
Oma Musola reichte allen noch ein weiteres Stück Apfelkuchen.
„Ein Wunsch schmeckt mit Kuchen einfach besser“, sagte sie.
Weisel nahm seines entgegen, blickte hinauf in den glitzernden Himmel und schwieg lange. Dann sagte er mit ruhiger Stimme:
„Ich glaube, ich wünsche mir gar nichts.“
Fläderä drehte den Kopf zu ihm. „Gar nichts? Nicht einmal einen neuen Motor für deinen Krankenwagen?“
Weisel schmunzelte.
„Nein. Ich habe schon alles, was ich brauche. Gute Freunde, ein warmes Dach, einen funktionierenden Notfallkessel und Apfelkuchen. Das ist mehr, als viele haben.“
Oma Musola nickte still.
Lunica sang weiter, und Mausi wurde immer schwerer in ihrem Arm. Seine Lider sanken langsam zu. Dudu rutschte ein wenig zur Seite, blieb aber sicher zwischen seinen Pfoten eingeklemmt. Fläderä versuchte tapfer wach zu bleiben, um ja keine einzige Sternschnuppe zu verpassen, doch auch sein Kopf sank irgendwann gegen den warmen Schornstein. Selbst Weisel blinzelte immer öfter und hielt seine Teetasse nur noch halb so entschlossen fest wie zuvor.
Der Wind strich sanft über das Dach und spielte mit den Zipfeln ihrer Schals. Auf dem kleinen Kastanienkrankenwagen unten am Haus glitzerte ein winziger Tautropfen im Mondlicht. Die Nacht lag still und freundlich über Mäuslingen, und über allem zogen weiter die hellen Spuren der Sternschnuppen ihre leuchtenden Bögen.
Oma Musola sah in die Runde, lächelte und zog die Decke ein wenig höher über die Schultern der Kinder.

„So ein Himmel“, flüsterte sie, „ist selbst fast schon ein Märchen.“
Lunica beendete ihr Lied mit einem letzten, weichen Ton.
Und so schliefen die kleinen Mäuse nach und nach ein. Unter einem Himmel voller Licht. Voller Träume. Voller stiller Wünsche und grosser Hoffnungen.
In der Mausgasse 63 war selbst die Nacht voller Geschichten.
Und wenn man ganz genau hinsah, konnte man meinen, dass eine der letzten Sternschnuppen noch einmal besonders hell über das Dach zog, nur um den kleinen Mäusen gute Nacht zu sagen.

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