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Fläderä und der Traum vom Fliegen

Autorenbild: Markus Föhn
Markus Föhn
6. Sept.
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 7. Okt.

Leseprobe aus «Mausgasse 63 – Mäuse und ihre Abenteuer», Band 1.

Am Morgen über der Mausgasse 63 lag ein ganz besonderes Licht. Die Sonne schien goldgelb durch die kleinen Fenster des verwunschenen Häuschens, als hätte sie beschlossen, heute alles ein wenig heller, freundlicher und abenteuerlicher zu machen. Draussen glitzerten die Tautropfen auf den Brombeerhecken, und von der alten Dachrinne tropfte noch das letzte Wasser der Nacht.

Im Kinderzimmer sass Fläderä schon hellwach auf seinem Bett.

Seine Fliegerbrille hatte er bereits auf die Stirn geschoben, obwohl er noch nicht einmal die Pfoten gewaschen hatte. Neben ihm lagen Papierblätter, kleine Holzstäbchen, Schnüre und mehrere schiefe Zeichnungen, auf denen Dinge zu sehen waren, die aussahen wie halbe Drachen, halbe Vögel und ein bisschen auch wie verunglückte Wäscheständer.

Mausi blinzelte verschlafen aus seiner Decke hervor. Dudu steckte unter seinem Arm, das Käppi lag auf dem Nachttisch.

„Was machst du da?“, murmelte er.

Fläderä drehte sich mit glänzenden Augen zu ihm um.

„Heute ist es so weit.“

„Was ist so weit?“

„Mein Flugtag.“

Mausi setzte sich langsam auf. „Dein was?“

„Mein Flugtag“, wiederholte Fläderä feierlich. „Heute werde ich fliegen. Nicht nur hüpfen. Nicht nur von einer Kiste auf die andere springen. Nicht nur so tun als ob. Nein. Heute erfülle ich mir meinen Traum.“

Mausi sah auf die Zeichnungen.

Dann auf die Holzstäbchen.

Dann wieder auf Fläderä.

„Mit dem hier?“

„Das hier“, sagte Fläderä und hob eines der Blätter hoch, „ist kein Irgendwas. Das hier ist der Entwurf für den allerersten echten Flugapparat der Mausgasse 63.“

Mausi zog die Decke ein kleines Stück höher. „Er sieht ein bisschen schief aus.“

„Schief ist nur eine andere Form von mutig.“

„Und wenn er runterfällt?“

Fläderä grinste. „Dann verbessert man ihn.“

Wenig später sassen alle beim Frühstück in der Küche. Oma Musola schenkte Tee ein, Lunica stellte frische Beeren und kleine Käsebrote auf den Tisch, und Weisel war ebenfalls da, weil er angeblich nur „kurz nach dem rechten schauen“ wollte, in Wirklichkeit aber meistens dann auftauchte, wenn er spürte, dass irgendwo etwas Aufregendes geplant war.

Fläderä konnte kaum stillsitzen.

„Ich habe alles durchdacht“, erklärte er und wedelte mit seiner Zeichnung. „Leichtes Holz, starker Stoff, gute Balance, eine erhöhte Startrampe und natürlich ein Pilot mit Erfahrung.“

Weisel hob eine Augenbraue. „Und wo genau soll diese Erfahrung herkommen?“

„Aus meinem Gefühl.“

„Aha.“

Oma Musola nahm die Zeichnung, setzte ihre Brille etwas höher und betrachtete sie lange.

„Also ich sehe hier zwei Flügel, ein Gestell, einen Sitz, eine Leine, ein Fähnchen und… ist das ein Notfallkeksfach?“

„Selbstverständlich“, sagte Fläderä. „Ein Pilot muss vorbereitet sein.“

Mausi setzte inzwischen sein Käppi auf und hielt Dudu fest. „Und was ist, wenn der Pilot plötzlich Angst bekommt?“

Fläderä legte eine Pfote auf die Brust. „Ein echter Pilot bekommt keine Angst.“

Weisel verschränkte die Arme. „Das ist Unsinn. Jeder bekommt mal Angst. Wichtig ist nur, was man dann macht.“

Lunica lächelte sanft. „Und manchmal hilft es, wenn man einen Traum nicht allein verfolgt.“

Fläderä sah nacheinander in die Runde. „Heisst das, ihr helft mir?“

Oma Musola stellte ihre Teetasse ab. „Wenn wir helfen, dann sicher und mit Verstand.“

„Und mit Aufsicht“, sagte Weisel.

„Und mit einem Lied gegen das Herzklopfen“, ergänzte Lunica.

Mausi nickte eifrig. „Und ich helfe auch. Aber lieber unten. Auf sicherem Boden.“

Fläderä sprang auf. „Dann bauen wir ihn.“

Und so wurde aus diesem Morgen ein Bautag.

Im kleinen Garten der Mausgasse 63 trugen sie alles zusammen, was nützlich sein könnte. Weisel brachte leichte Holzleisten aus seiner Werkstatt. Oma Musola holte starken Stoff hervor, der einmal zu einer alten Tischdecke gehört hatte. Lunica schnitt schmale Stoffbänder, die später gebunden und vernäht werden konnten. Mausi trug Schrauben, Schnur und Dudu hin und her, wobei unklar blieb, ob Dudu half oder beaufsichtigte.

„Nicht darauf treten“, rief Fläderä, als Mausi beinahe auf eine Holzstange trat.

„Ich bin nicht darauf getreten“, sagte Mausi.

„Noch nicht.“

Bis zum Mittag war das Grundgestell fertig. Es hatte zwei breite Flächen wie Flügel, einen kleinen Sitz in der Mitte und vorne eine kurze Stange zum Festhalten. Weisel prüfte jeden Knoten doppelt. Oma Musola nähte die Stoffbahnen so sorgfältig fest, als würde sie einen Wintermantel für den Wind selbst machen. Lunica summte ein ruhiges Lied, das allen half, bei der Sache zu bleiben. Sogar Fläderä wurde davon ein wenig ruhiger, auch wenn er weiterhin alle drei Minuten fragte, ob es endlich losgehen könne.

„Geduld“, sagte Oma Musola.

„Geduld ist die Schwester des Gelingens.“

„Und wer ist der Bruder?“, fragte Mausi.

Weisel antwortete trocken: „Sicherheit.“

Am Nachmittag trugen sie den fertigen Flugapparat auf die kleine Wiese oberhalb von Mäuslingen. Dort stand ein sanfter Hügel, von dem aus man weit über die Dächer, Bäume und Gärten sehen konnte. Im Sommer liessen die Mäuse dort manchmal Drachen steigen oder rollten Käseräder hangabwärts, solange Oma Musola es nicht sah.

Der Wind war heute freundlich. Nicht zu stark. Nicht zu schwach. Gerade so, dass das Gras leise rauschte und die Blätter der Bäume flüsterten.

„Das ist perfekt“, sagte Fläderä ehrfürchtig.

Weisel stellte den Apparat ab und sah ernst in die Runde. „Bevor hier irgendjemand auch nur einen Pfotenbreit abhebt, gehen wir die Regeln durch.“

Fläderä stöhnte leise, aber Mausi hörte gespannt zu.

„Erstens“, sagte Weisel, „kein Start ohne mein Zeichen. Zweitens, nur vom kleinen Hügel, nicht vom grossen. Drittens, eine Sicherheitsleine bleibt befestigt. Viertens, wenn ich Stopp sage, dann ist Stopp.“

„Und fünftens“, sagte Oma Musola, „niemand macht etwas Dummes, bloss um mutig zu wirken.“

Fläderä wollte gerade widersprechen, als Lunica ihm die Pfote auf die Schulter legte.

„Wirklich mutig ist, wer auf die hört, die es gut mit ihm meinen.“

Fläderä atmete einmal tief durch und nickte. „Einverstanden.“

Dann halfen sie ihm in den kleinen Sitz. Mausi zog ihm die Fliegerbrille richtig über die Augen. Weisel befestigte die Sicherheitsleine. Lunica strich ihm den Schal glatt. Oma Musola legte ihm sogar einen kleinen Glücksknopf in die Tasche.

„Der hat schon drei Stürme, zwei Kellerunfälle und einen verbrannten Kuchen überlebt“, sagte sie. „Er wird auch dir helfen.“

Fläderä lächelte.

Mausi stand etwas seitlich mit Dudu im Arm und sah seinen Bruder gross an. „Wenn du fliegst, winkst du dann?“

Hier endet diese Leseprobe. Wie das Abenteuer ausgeht, erfährst du im Buch «Mausgasse 63 – Mäuse und ihre Abenteuer».


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